Intersexuelle Flüchtlinge stehen vor besonderen Herausforderungen, die oft durch ihre marginalisierte Identität und das Versäumnis des Asylsystems, ihre spezifischen Bedürfnisse anzuerkennen, noch verschärft werden. In vielen Ländern sind intersexuelle Menschen Diskriminierung, sozialer Ausgrenzung und schädlichen medizinischen Praktiken wie der Genitalverstümmelung bei intersexuellen Menschen (IGM) ausgesetzt. Diese Diskriminierung macht ihren Asylbedarf dringend, doch rechtliche Rahmenbedingungen sehen “Geschlechtsmerkmale” in der Regel nicht ausdrücklich als Schutzgrund vor. Zudem haben intersexuelle Flüchtlinge während der Migration oft Schwierigkeiten beim Zugang zur medizinischen Versorgung, insbesondere zu Behandlungen wie der Hormontherapie, die für manche lebensrettend sein kann. All dies erschwert die Inanspruchnahme von Asylunterstützung und macht intersexuelle Flüchtlinge letztlich noch schutzbedürftiger.

Um diese Probleme anzugehen und sich für die Rechte von intersexuellen Flüchtlingen einzusetzen, hat VIMÖ, eine von Intersexuellen geführte Organisation in Österreich, die vom GiveOut-Förderpartner „Intersex Human Rights Fund“ finanziert wird, ein Programm ins Leben gerufen, dessen Schwerpunkt auf der Asylbegleitung für intersexuelle Menschen liegt. Dazu gehört die Schulung von Verantwortlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, damit diese intersexuellen Asylsuchenden fundierte und einfühlsame Unterstützung bieten können, insbesondere in Bereichen wie Sprachgerechtigkeit und Traumabegleitung.
Im Rahmen dieser Initiative hat VIMÖ in Zusammenarbeit mit OII Europe das “OII Europe Refugees & Asylum Seekers Toolkit” veröffentlicht. Dieses Toolkit bietet umfassende Informationen zu den spezifischen Herausforderungen, mit denen intersexuelle Flüchtlinge und Asylsuchende konfrontiert sind. Es dient als wertvolle Ressource für Fachkräfte im Asylwesen und vermittelt ihnen das notwendige Wissen, um intersexuelle Menschen wirksam zu unterstützen. Das Toolkit schließt Wissenslücken im Asylverfahren und liefert konkrete Empfehlungen zur Verbesserung der Behandlung intersexueller Flüchtlinge.
Ein intersexueller Flüchtling, der anonym von seinen Erfahrungen berichtete, sagte: “Die zweitgrößte Herausforderung – und wahrscheinlich die schlimmste – bestand darin, einen sicheren Ort zu finden, an dem ich Schutz finden, schlafen und meine Privatsphäre und Würde wahren konnte. Die meisten Unterkünfte in Flüchtlingslagern sind sehr chaotisch. Wenn eine Trennung nach Geschlecht oder biologischem Geschlecht durchgesetzt wird – je nach unserem Aussehen und unseren Papieren –, können uns diese Situationen sichtbar machen und uns der Gefahr von Missbrauch, Diskriminierung und Misshandlung durch andere Flüchtlinge aussetzen. Die Einrichtungen in Krisensituationen sind nicht angemessen und berücksichtigen nicht die besonderen Bedürfnisse, die Minderheiten wie intersexuelle Flüchtlinge in solchen Situationen haben.”
Die Veröffentlichung des Leitfadens wird voraussichtlich positive Auswirkungen darauf haben, wie intersexuelle Flüchtlinge im Asylsystem wahrgenommen und unterstützt werden. Durch die Sensibilisierung von Fachkräften für intersexuelle Themen soll der Leitfaden dazu beitragen, dass intersexuelle Asylsuchende besser informiert und mit mehr Mitgefühl behandelt werden. Die Initiative zielt zudem darauf ab, die Aufnahme ausdrücklicher Schutzmaßnahmen für intersexuelle Menschen in rechtliche Rahmenbedingungen zu fördern, um letztendlich ihre Sicherheit und ihren Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung und sozialen Dienstleistungen zu verbessern. Durch diese Bemühungen hoffen VIMÖ und OII Europe, weltweit ein unterstützenderes Umfeld für intersexuelle Flüchtlinge zu schaffen und ihnen dabei zu helfen, den Asylprozess in Würde und mit Respekt zu durchlaufen.
Lesen Sie das gesamte Toolkit hier.
